Fortschritt – was ist das?

Auf die Frage, was Fortschritt bedeutet, antworten die meisten Menschen in den früh indistrialisierten Ländern: „Na ja, der technische Fortschritt eben…“

Mich ärgert die Selbstverständlichkeit, mit der wir die anderen Gebiete möglichen Fortschritts ignorieren. Ich habe auch eine Vermutung, warum wir so denken: es ist einfach eine umfassende Bequemlichkeit.

Zunächst einmal möchte ich Gebiete nennen, bei denen mir ein Fortschritt sehr viel wichtiger ist als im Bereich der Technik:

  • unser Zusammenleben im Großen: Staat, Städte und Gemeinden
  • unser Zusammenleben im Kleinen: Familie, Nachbarschaft
  • das Verhältnis von Frauen und Männern
  • unser Umgang mit der Natur.

Bis auf den letzten Punkt, bei dem wir immer mehr merken, wie wichtig uns ein gutes Verhältnis zu unserer Umwelt ist, fehlt es mir bei all diesen Gebieten an Perspektiven, Zielen und Visionen. Stattdessen fasziniert uns ausschließlich der technische Fortschritt.

Das ist umso befremdlicher, weil wir durch Technik und deren Perfektionierung nicht glücklicher werden, im Gegenteil: es ist unbestritten, dass die Technik – je komplexer sie wird und umso mehr Bereiche unseres Lebens von ihr abhängig werden – immer weniger vom Einzelnen beherrscht werden kann, sondern nur noch von Gruppen hoch spezialisierter Personen; mithin schrumpft unser Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Begleitet wird dieser Verlust durch eine Vielzahl technischer Hilfstätigkeiten, zu denen uns die noch lange nicht perfekte Technik zwingt: ständige Updates von Systemen im Bereich der Computer; Kaffeemaschinen-Reinigungsprogramme, die uns als Hilfskräfte brauchen; laufend neue Interaktionen mit neuen Benutzeroberflächen gewöhlicher Alltagsgegenstände, die vorgeblich unseren Komfort erhöhen, tatsächlich aber unsere Aufmerksamkeit rauben usw.

Hinzu kommt eine unüberschaubare Anzahl von Optionen beim Konsumieren einer Flut von Produkten, die schon bald wieder auf den Müll wandern, weil „bessere“ Versionen auf den Markt gebracht wurden. Wir erliegen der Illusion, schon deshalb ein gutes Leben zu führen, weil wir uns jede Menge Schnickschnack kaufen können, mit dem wir dann unsere freie Zeit totschlagen können.

Medien-Technik: Faszination und Sucht
Medien-Technik: Faszination und Sucht

Bei all dieser Beschäftigung mit dieser Art Kram bleibt für die Fortschritte im sozialen Bereich keine Aufmerksamkeit mehr, ganz im Gegenteil: wir kaufen unsere Produkte nicht selten in der Absicht, einen sozialen Status zu erreichen und uns von denen abzugrenzen, die sich weniger leisten können.

Warum tun wir das?

Fortschritte im technischen Bereich machen uns keine Arbeit, sie kommen einfach „über uns“, weil es Unternehmen gibt, die diese fortschrittlicheren Produkte herstellen. Wir selbst könnten das gar nicht mehr, es sei denn es geht um einfache Konstruktionen.

Im Gegensatz zum technischen Fortschritt können wir Verbesserungen im sozialen Bereich – speziell im Zusammenleben auf Familien- oder regionaler Ebene – selbst erreichen. Bedeutet: selbst Arbeit und Mühe investieren, damit sich was ändert. Mühe aber ist genau das, was heute niemand mehr will, denn sie ist das Gegenteil des unaufhörlich wachsenden Komforts, mit dem uns die Konsumgüterindustrie mit ihrer perfekten Werbung unausgesetzt ködert.

Dabei könnte es so einfach sein. Wir müssen nur mit offenen Augen durch die Welt laufen und aufmerksam genug sein, um unnötige Unfreundlichkeiten zu vermeiden. Dem Nächsten einfach ein Lächeln schenken und sich über die freundliche Antwort freuen, bringt so viel mehr Lebensfreude als jeder technische Fortschritt. Und diesen sozialen Fortschritt haben wir selbst in der Hand. Dies umso mehr, je näher das Umfeld ist, in dem wir ihn zulassen.

Bei Licht betrachtet, gibt es nichts, was uns mehr freut als ein nettes Umfeld, in dem zu leben sich einfach gut anfühlt. Und was soll so schwer daran sein, eher mit dem Gedanken „Ich geh raus in die Welt und bin gut zu meinen Mitmenschen“ im Kopf zu leben statt mit dem ständigen Nachdenken über die unendlichen Optionen, zwischen denen man sich beim pausenlosen Konsumieren entscheiden soll?

Eigentlich nichts, oder?

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