Die Zeit, unser Feind

Von den unseren Sinnen zugänglichen Dimensionen ist die Zeit die seltsamste, unterscheidet sie sich doch elementar von den drei anderen: Länge, Breite, Tiefe. Und doch bedeutet eine Bewegung in den drei anderen Dimensionen auch immer eine Bewegung in der Zeit: heute hier, morgen dort…

Wir Menschen messen unseren technischen Fortschritt gerne daran, wie schnell (siehe da: die Zeit) wir Entfernungen (siehe da: die anderen drei) überbrücken: ein Jet ist leistungsfähiger als ein Pferdefuhrwerk. Für die Entfernungen ist die Zeit ein nur selten kontrovers diskutiertes Kriterium zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit.

Etwas anderes, deutlich unangenehmeres gilt für die Verkürzung der Zeit bei allen anderen Lebensvorgängen. Wir kennen Ausdrücke wie „Time to Market“ (und da ist die kürzere Zeit immer die bessere) als Etablierung des Prinzips: „Gleiches in immer kürzerer Zeit“ oder „In gleicher Zeit immer mehr„. Die gänzlich Bekloppten finden auch die zeitliche Implementierung des schon in der BWL als nicht umsetzbar erkannten MiniMax-Prinzips toll: „Immer mehr in immer kürzerer Zeit“.

Fragen wir uns als Menschen, ob wir das wollen, so stoßen wir auf unterschiedliche Antworten:

  • Die jungen Hochleistungsmenschen * befürworten diese Art der ständigen Leistungsverbesserung, da sie es dadurch schaffen, Bestätigung von Außen und Abgrenzung von Schwächeren zu erlangen, also in beiden Fällen ein Aufpumpen des Ego.
  • Die älteren Minderleister * (pfui, wie kann ich das nur so ausdrücken, dass die Leistungsfähigkeit im Laufe des Lebens immer mehr nachlässt) sind weniger begeistert, weil sie beginnen, solche Optimierungen hinsichtlich des Zielerreichungsbeitrags zu ihrem persönlichen Glück zu untersuchen und mithin verständlicherweise in Frage zu stellen, getreu der Erkenntnis: „Was ich nur mit der Folge immer größerer Erschöpfung erreiche, macht irgendwann auch nicht mehr glücklich“.

* Ich habe unzulässig vereinfacht: natürlich gibt es auch alte Hochleister und junge Minderleister.

Aus größerer Entfernung jedoch geht es beiden gleich: mit der Verschärfung der Maßstäbe schaffen es nur noch perfekt ausgebildete Eliten, die Ziele zu erreichen, und da der Bessere des Guten Feind ist, erlaube ich mir die Frage: wozu der Wahnsinn?

Was bringt es mir, wenn wir die Ressourcen (unsere eigenen, die unseres Umfelds und die von Mutter Erde) immer schneller ausbeuten? Ist das Gefühl, ein extrem leistungsfähiger Mensch zu sein, so wertvoll, dass ich damit den Zusammenbruch aller sozialen Bindungen zu relativen Minderleistern in Kauf nehmen sollte? Was wird aus mir, wenn ich es nicht schaffe, im Casting des Lebens ein Superstar zu werden?

Drehen wir uns einmal um 180 Grad und versuchen einmal, alternativ mit dem Ursprungsgegenstand unserer Betrachtungen umzugehen. Mir fallen die beiden Lagerarbeiter aus der Whisky-Reklame ein, die vor allem eines haben müssen, damit ihr Stöffchen richtig gut wird: Zeit. Und so ist die ständig verkürzte Zeit nicht nur der Feind des guten Wiskys, sondern macht uns alle fertig.

Umgekehrt – wenn wir uns das trauen – kann die Zeit eine Freundin sein, wenn wir sie uns gönnen, wenn wir Dinge langsam erledigen, wenn wir gute Lösungen kreativ im gesamten Kopf entstehen lassen und nicht über die herrischen Gefilde des rationalen Denkens erzwingen.

Versucht doch auch einmal, eine Sache nicht möglichst schnell, sondern möglichst langsam zu machen. Was kommt dabei raus? Anders als befürchtet tritt kein Stillstand ein, denn: bevor wir mitten in der Handlung einschlafen, erreichen wir fast von alleine eine Mindestgeschwindigkeit, die uns gut tut. Genau diese ist der richtige Takt für unser Leben.

Nicht die Zeit ist unser Feind, sondern derjenige, der uns immer weniger von ihr zugesteht, um die zu einem guten Leben notwendigen Handlungen auszuführen. Bei Licht betrachtet sind wir das oft genug selbst, oder?

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