Das Bratkartoffel-Glück

Auf die Frage, was ihm in den Sinn kommt, wenn er sich perfektes Glück vorstellen soll, antwortet der Top-Manager: „Ein Sonntag mit der Familie, Bratkartoffeln und kein Handy klingelt.“

Mag sein, dass wir hier den gereiften Top-Manager auf dem Höhepunkt seiner steilen Karriere erwischt haben, der wirklich alles schon erlebt hat: Auslandsreisen mit dem Außenminister, Austern schlürfen mit Abramovich und den aus der Portokasse bezahlten Ausflug ins All mit Richard Bransons Virgin Galactic.

Irgendwann jedenfalls beginnt es unseren Top-Manager anzuöden, immer teurere, schnellere, weitere und seltenere Vergnügungen zu suchen und sich dabei vorzustellen, das sei das Glück. Ein kurzes Pulsieren seiner philosophischen Ader (ja, er hat eine solche, aber sie zuckt nur selten) und schon ist er bei den Bratkartoffeln gelandet, die ihm nicht nur den ganzen gedanklichen Overhead, er sei mit dieser Vergnügung endlich zum Master of the Universe aufgestiegen, ersparen, sondern die einfach nur unglaublich gut schmecken.

Ich möchte – ganz im Sinne der Effizienz, die auch unseren Top-Manager bislang antrieb – einen ökonomischen Weg zum Glück beschreiben. Unglaublich ökonomisch, denn er hat nahezu NULL Input, und doch jede Menge Output im Sinne eines glücklichen Lebens. Er erspart nämlich den furchtbar anstrengenden Umweg über eine Karriere, die ohnehin nur selten so gelingt, dass man ohne komplizierte innere Rechtfertigung (will sagen: Ausrede) mit ihr zufrieden sein kann.

Eigentlich ist es ganz einfach: wir müssen nur sorgsam entscheiden, welche Rolle(n) wir anstelle der Top-Manager-Rolle einnehmen wollen, um unser Glück „zu machen“. Hier ein paar Vorschläge aus einem pfiffigen kleinen Buch („Ich bin raus. Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ von Robert Wringham):

  • Minimalist: er entfernt alle nicht-wichtigen Dinge aus dem Leben, um sich auf die wirklich wichtigen zu konzentrieren. Es gibt dazu den herrlichen Film „My Stuff“ von Petri Luukkainen. Er bringt all seine Besitztümer in ein Warenlager und holt sich jeden Tag den jeweils am meisten benötigten Gegenstand aus dem Lager zurück. Nachdem er splitterfasernackt gestartet war, entdeckt er, wann er genug Zeugs zurückgeholt hat und wie wenig man wirklich zum Leben braucht.
  • Epikureer: er legt Wert auf einfache Freuden (z.B.: selbst gemachte Bratkartoffeln), Freundschaft, Freiheit und Nachdenklichkeit. Im Gegensatz zum Minimalisten erfreut er sich auch an Dingen, die man nicht braucht, so lange sie und ihre Beschaffung einen nicht zwingen, Dinge zu tun, die man nicht möchte. Das hohe Lied der einfachen, günstigen Genüsse.
  • Stoiker: er lebt im Einklang mit der Natur, legt aber mehr als alle anderen Wert auf Selbstbeherrschung und Stärke, um unnötiges Leiden und negative Gefühle zu vermeiden. Stoiker praktizieren auch die freiwillige Unbequemlichkeit, um kein Opfer des Bequemlichkeitsstrebens zu werden (Treppen laufen, auch wenn es daneben Aufzüge gibt). Vorteil der freiwilligen Unbequemlichkeit ist unbestreitbar die Verringerung unserer Bestechlichkeit durch mögliche Genüsse und ein gewisses Training, das uns auch mühsame Dinge mit der Zeit leicht ertragen lässt.
  • Bohèmian: er lebt einen Gegenentwurf zur bürgerlichen Existenz, meist künstlerisch geprägt, mit wenig Neigung zur Karriere, aber zum offenen Zur-Schau-Stellen einer unabhängigen und freien Lebensweise.

Allen Rollen ist gemein, dass sie bewusst andere Akzente setzen als unser üblicher „Glück-durch-möglichst-viel-Konsum“-Lebensstil. Und damit einen weitaus geringeren ökologischen Fußabdruck bei gleichzeitig viel mehr Lebensfreude haben.

Was spricht dagegen?

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