Die Wahrheit

Wir erleben – nicht erst seit dem selbsternannten größten Dealmaker aller Zeiten – eine zunehmende Polarisierung der Menschen. Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Das geht bis hin zu Vernichtungsphantasien, die nicht selten zu entsprechenden Handlungen führen.

Warum ist das so?

Was muss geschehen, damit wir wieder zurück finden?

Verfolgt man, über welche Themen die Menschen in Streit geraten, so erkennt man schnell, dass Diskussionen – wenn sie überhaupt erwünscht sind – keine gemeinsame Basis haben. Ob das den Klimawandel betrifft oder die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Infektionen: die Faktenbasis ist nicht die gleiche.

Es hätte allen Menschen auffallen müssen: nach der Amtseinführung des aktuellen Präsidentendarstellers (heute ist der 19.11.2020) in den USA wurde von diesem behauptet, es wären mehr Menschen zugegen gewesen als bei seinem Vorgänger. Die von den Medien veröffentlichten Bilder zeigten etwas anderes. Trotzdem wurde das Gegenteil behauptet – und geglaubt.

Warum glauben Menschen, die Erde sei eine Scheibe oder die Mondlandung wäre in einem Studio aufgenommen? Weil es uns mehr auf das ankommt, was wir glauben wollen. Weil es immer noch nicht vom Leben bestraft wird, wenn wir falsche Annahmen treffen. Immer noch nicht? Das stimmt nicht: schon zur Nazizeit glaubten hinreichend viele Menschen in Deutschland, die Juden seien schuld (an allem, wofür ein Sündenbock herhalten muss). Dieser blinde und durch nichts belegbare Glaube führte zu Aggression, Verletzungen, Millionen von Toten und unermesslichem Leid.

Menschen glauben an das, was ihren Geist in einen kohärenten Zustand versetzt – oder eine Störung desselben verhindert. Bevor ich erkenne, dass mein Verhalten jede Menge Leid erzeugt, glaube ich doch lieber daran, dieses Leid hätte eine andere Ursache. Und wenn ich dann noch auf die Urheber dieses Leids einprügeln kann, stelle ich mich als Mensch über diese Menschen. Macht macht glücklich, deshalb lieben viele Menschen (vorzugsweise Männer, aber das hatten wir hier schon) auch lange Befehlsketten, deren Erklimmung sie bei jeder zurückgelegten Stufe ein wenig glücklicher macht. Schlecht nur, wenn am Ende eine so große Zerstörung bewirkt wird, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung so nicht weitermachen will.

Ein friedliches, unaggressives, motivierendes und belebendes Miteinander ist möglich. Die Grundlage sind aber immer Fakten, die alle gemeinsam akzeptieren. Das ist bei der Klimadiskussion nicht anders als bei interreligiösen Dialogen.

Wann immer wir als Gemeinsachaft etwas erreichen wollen, müssen wir uns über die Wahrheit einigen. Der Wissenschaft kommt insbesondere wegen ihres methodischen Vorgehens dabei eine besondere Bedeutung zu. Pluralität, Thesen-haftes Vorgehen, Reviews sowie Verifizierung und Falsifizierung sind die Basis, um etwas gemeinsam Glaubbares zu schaffen, auf dem sich alles Weitere aufbauen lässt.

Verhindern wir, dass uns dieser Boden unter den Füßen weggerissen wird. Und arbeiten wir mit Leidenschaft daran, dass Menschen unterschiedlicher Interessengruppen wenigstens eine gemeinsame Faktenbasis haben. Damit die besseren Argumente siegen, nicht die größere Medienwirksamkeit.